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ABE-Fachveranstaltung: CO₂-reduzierte & -reduzierende Materialien und Bauprodukte

23. Februar 2026

Wie lassen sich graue Emissionen im Bauwesen wirksam senken und welche Materialien und Produkte leisten dazu heute schon einen messbaren Beitrag? Rund 50 Teilnehmende aus ABE-Mitgliedsunternehmen – Expert:innen für Nachhaltigkeit, Materialien und Bauen im Bestand – befassten sich bei einer zweitägigen Fachveranstaltung mit diesen zentralen Fragen. Der Fokus: Kreisläufe schließen, Re-Use stärken und konkrete Lösungen für die Praxis identifizieren.


In Workshops und World-Cafés erarbeiteten die Teilnehmenden Ergebnisse, die gemeinsam im Plenum besprochen und diskutiert wurden. Foto: Goar T. Werner (ABE)


Tag 1: Graue Emissionen, Lehmbau und zirkuläre Produktlösungen

Den Auftakt machte Wibke Hermerschmidt (FH Aachen) mit einem Impuls zum CO₂-Fußabdruck von Bauprodukten. Sie zeigte systematisch auf, wo entlang des Lebenszyklus die größten Emissionsanteile entstehen und welche Hebel zur Reduktion grauer Emissionen bereits heute wirksam sind: materialeffiziente Konstruktionen, Substitution emissionsintensiver Bestandteile, zirkuläre Strategien. Die Diskussion verdeutlichte: Transparente Datengrundlagen sind Voraussetzung für belastbare Entscheidungen. Diese lieferte Wibke Hermerschmidt detailliert für Stahl und Zement/Beton gleich mit.

Im Anschluss stellte Susanne Raulf den Lehmbau in seiner aktuellen Ausprägung vor. Ihr Beitrag verband Materialwissen mit gebauten Beispielen und unterstrich das Potenzial von Lehm als kreislauffähigem, emissionsarmem Baustoff mit positiven Effekten auf Raumklima und Rückbaubarkeit. Die Rückfragen zeigten großes Interesse an Skalierbarkeit, Normung und Integration in bestehende Bauprozesse.

Workshops: Standortbestimmung in den Unternehmen

In moderierten Workshops reflektierten die Teilnehmenden ihre unternehmensinternen Strukturen und Prioritäten:

  • Wer verantwortet konkret CO₂-Reduktion und Materialauswahl?

  • Wie sind Nachhaltigkeitsthemen organisatorisch verankert?

  • Welche strategische Bedeutung hat das Thema?

Die Ergebnisse machten deutlich: Das Thema ist in vielen Unternehmen strategisch gesetzt, aber organisatorisch unterschiedlich verankert – von Innovations- und Nachhaltigkeitsabteilungen bis hin zu Produktmanagement und Geschäftsführung. Der Austausch im Plenum schuf Transparenz über Rollen, Herausforderungen und Good Practices.

World-Café: Vier Stationen – vier konkrete Produkt- und Systemlösungen

1. Ardex – Zirkuläre Lösungen für Fliesen, Böden, Oberflächen

Im Fokus der World-Café-Station mit Marco Schröder standen kreislauffähige Systemlösungen und materialeffiziente Oberflächen. Diskutiert wurden Rückbaubarkeit, Langlebigkeit und Optimierung von Rezepturen zur Emissionsreduktion. Mit der neuen ARDEX CircuTec Mörteltechnologie startet eine Innovation, die das Bauen nachhaltig verändern wird. Fliesen können jetzt nach Jahren einfach entfernt und wiederverwendet werden – ohne Einbußen bei Qualität oder Verarbeitung.

2. Caparol – Faktencheck Holzfassaden im Alltag

Maik Auschrat und Kristin Kossanyi  beleuchteten Praxiserfahrungen mit Holzfassaden unter den Gesichtspunkten Dauerhaftigkeit, Wartung und ökologische Bewertung. Im Mittelpunkt stand die Aufgabe, den Lebenszyklus von Holzfassaden zu verlängern. Entscheidend sind die Fragen: Welche grundsätzliche Haltung zu Oberflächen von Holzfassaden ist vorherrschend: Naturbelassen / Beschichtet / Fallentscheidung? Wenn Beschichtungen den Lebenszyklus verlängern, sind die Nutzer:innen bereit, regelmäßige Wartungsbeschichtungen zu akzeptieren? Würden die Nutzer:innen kürzere Wartungsintervalle akzeptieren, wenn das Holz weiterverwendet werden kann und nicht nach Rückbau in der Altholz Kategorie A IV entsorgt werden muss (Stichwort: Verzicht auf Halogene)? So ergab sich ein differenziertes Bild für einen grundsätzlich nachhaltigen Baustoff, der dennoch besonderes Augenmerk verlangt.

3. Holcim – Herausforderungen bei der Markteinführung nachhaltiger Bausysteme

Michael Scharpf stellte CPC-Elemente als Alternative zu Vollbeton vor: CPC-Betonplatten basieren auf der „carbon prestressed concrete“-Technologie und sind mit dünnen, vorgespannten Carbonlitzen bewehrt. Aufgrund der hohen Zugfestigkeit und Korrosionsbeständigkeit von Carbon können deutlich schlankere, tragfähige Platten ohne die sonst übliche Armierungsüberdeckung von drei bis vier Zentimetern hergestellt werden. CPC-Platten sind dadurch drei- bis viermal dünner und leichter – bei gleicher Tragfähigkeit. Je nach Konstruktion lassen sich bis zu 80 % Material und bis zu 75 % CO₂ einsparen. Holcim setzt sie insbesondere für Balkone und Fußgänger-/Fahrradbrücken ein, als Brückenlösung auch als Alternative zu Holz, weil signifikant schneller errichtet und verrotungsärmer. Diskutiert wurden weitere Einsatzmöglichkeiten des innovativen Baustoffs. Die Diskussion machte deutlich: Nachhaltigkeit ist systemabhängig – Materialwahl allein greift zu kurz.

4. Willowprint – Nachhaltiger 3D-Druck mit Holz

Geschäftsführer Dr. Joost Meyer präsentierte Willowprint, ein aus der RWTH Aachen hervorgegangenes Start-up für 3D-gedruckte modulare Architektur. Eingesetzt werden aufbereitete Sägespäne, voll recyclebar, voll kompostierbar, mit einer eigenen patentierten Rezeptur und Technologie. Potenziale liegen in materialeffizienten Strukturen, reduzierten Verschnittmengen und neuen konstruktiven Möglichkeiten. Der innovative Ansatz fand bei den Teilnehmenden großes Interesse.

Es gab lebhaften Austausch zu allen Themen und Produkten. Der erste Tag endete mit einem Get-together, das den fachlichen Dialog in informellem Rahmen vertiefte.


Spannende Impulse boten den Teilnehmenden Einblicke in unterschiedliche Themen und Lösungen. Auf dem Bild zu sehen ist Lydia Larsen (MorgenGrün) während ihres Vortrags zur LCA der Technischen Gebäudeausrüstung. Foto: Manuela Wetzel (ABE)


Tag 2: Re-Use, Produkttransformation und LCA der TGA

Der zweite Tag stand im Zeichen der Wiederverwendung und Bilanzierung.

Christina Freese (Concular) eröffnete mit einem Impuls zu Rezertifizierung und Gewährleistung im Re-Use. Sie adressierte regulatorische Hürden, Haftungsfragen und Qualitätssicherung – zentrale Aspekte für die Marktfähigkeit wiederverwendeter Bauteile und stellte konkrete Lösungen für die vielfältigen Herausforderungen vor.

Anschließend präsentierten Christian Roth und Jannik Oslender (Baukreisel) ihre Ansätze „Concrete.matters“ und „Window.matters“ zur produktbasierten Wiederverwendung von Ortbetonbauteilen sowie zum Erhalt und Upgrade von Fenstern. Beide Beispiele zeigten, wie aus linearen Bauteilen zirkuläre Produkte werden können – inklusive logistischer, technischer und gestalterischer Strategien.

Lydia Larsen (MorgenGrün) schloss die Impulsreihe ab mit einer Einordnung zur LCA der Technischen Gebäudeausrüstung. Sie skizzierte den Status quo der Bilanzierung und machte auf bislang unterschätzte Emissionsanteile aufmerksam. Besonders hervorgehoben wurden Potenziale durch Re-Use und verlängerte Nutzungsdauern. Die TGA kann einen spürbaren Beitrag leisten. Es ist an der Zeit, sie in Fragen der CO2-Reduktion und Ökobilanzierung stärker in den Blick zu nehmen.

In anschließenden Workshops zu den Impulsen wurden die Inhalte vertieft und auf die Praxis der Mitgliedsunternehmen übertragen. Die Präsentation der Ergebnisse zeigte ein hohes Maß an Reflexion und Umsetzungswillen.


Fazit: Neue Perspektiven und belastbare Netzwerke

Die Veranstaltung zeigte klar: CO₂-Reduktion im Bauwesen erfordert interdisziplinäre Zusammenarbeit, transparente Daten und die Bereitschaft, etablierte Prozesse zu hinterfragen. Das große Engagement der Teilnehmenden und die hohe Qualität der Beiträge machen deutlich: Das Thema ist strategisch verankert. Die Veranstaltung war ein klarer Erfolg – und ein kraftvoller Impuls für die weitere Netzwerkarbeit.


Die Get-together an beiden Tagen boten den Teilnehmenden eine weitere Möglichkeit zum intensiven Austausch und zum Netzwerken. Foto: Goar T. Werner (ABE)