Dass nachhaltiges Bauen künftig vor allem im Bestand stattfinden wird, zog sich wie ein roter Faden durch die Fachsession „Bauen im Bestand: Konkrete nachhaltige Projekte in der Praxis“. Unter der Moderation von Dr.-Ing. Hans-Jürgen Krause, Vorstand ABE und Geschäftsführender Gesellschafter Kempen Krause Ingenieure GmbH (KKI), diskutierten Expertinnen und Experten aus Planung, Tragwerksplanung, BIM und Architektur, wie Bestandsgebäude wirtschaftlich, ressourcenschonend und technisch sicher weiterentwickelt werden können. Dabei wurde deutlich: Die größten Herausforderungen liegen häufig weniger in der Technik als in regulatorischen Rahmenbedingungen und etablierten Planungsprozessen.
Vorschaufoto: Keynote-Speaker Dr.-Ing. Hans-Jürgen Krause | © F.A.Z. BUSINESS MEDIA GmbH (Jörn Wolter)
Bestand als Schlüssel zum klimafreundlichen Bauen
Zum Auftakt ordnete Dr.-Ing. Hans-Jürgen Krause die Bedeutung des Bauens im Bestand aus Klimaschutzperspektive ein. Rund die Hälfte der CO₂-Emissionen eines Gebäudes entsteht bereits bei seiner Herstellung, davon wiederum mehr als die Hälfte im Rohbau. Die andere Hälfte entfällt auf den Gebäudebetrieb. Entsprechend groß ist das Einsparpotenzial, wenn tragende Strukturen erhalten bleiben.
Re-Use und Urban Mining gelten zwar als wichtige Zukunftsstrategien, derzeit stehen jedoch noch nicht ausreichend wiederverwendbare Bauteile zur Verfügung. Umso wichtiger ist es, vorhandene Gebäude möglichst weitgehend zu erhalten und intelligent weiterzuentwickeln. Bereits eine teilweise Weiternutzung des Bestands verbessert die CO₂-Bilanz eines Projekts erheblich.
Gleichzeitig sprach Dr. Krause bestehende Hemmnisse offen an. Baurechtliche Anforderungen, insbesondere Fragen des Bestandsschutzes, der Erdbebenertüchtigung oder des Brandschutzes, erschweren viele Umbauvorhaben. Zudem würden vorhandene Ermessensspielräume bei der Anwendung technischer Regelwerke häufig nicht ausgeschöpft. Sein Plädoyer: Es brauche eine eigenständige „Umbau-Ordnung“, die den Besonderheiten des Bauens im Bestand Rechnung trägt und beispielsweise die Wiederverwendung tragender Bauteile rechtssicher ermöglicht.
Risiken früh erkennen statt später teuer bezahlen
Wie sich Bestandsprojekte systematisch absichern lassen, zeigte Holger Seitz, Geschäftsführender Gesellschafter / Tragwerksplanung Köln KKI, am Beispiel der Umnutzung des ehemaligen Galeria-Kaufhof-Gebäudes „New7“ in Mannheim. Das zentrale Prinzip lautet: Risiken müssen vor Beginn der eigentlichen Planung identifiziert werden. Dazu hat KKI eine mehrstufige Methodik entwickelt.
Den Auftakt bildet eine Potenzialanalyse durch Architektur, Tragwerksplanung und Schadstoffexpert:innen. Darauf folgt eine vertiefende Untersuchung unter Einbeziehung von Brandschutz, Bauphysik und Technischer Gebäudeausrüstung. Erst anschließend erfolgt eine umfassende Bestandserfassung mit detaillierten Informationen zu Geometrie, Materialeigenschaften, Bewehrung und baulichem Zustand.
Bereits nach der ersten Phase lässt sich eine technische Bewertung mit einer groben Kostenschätzung erstellen. Auf dieser Grundlage können Bauherren fundiert entscheiden, ob ein Projekt wirtschaftlich weiterverfolgt werden sollte. Erst danach beginnt die eigentliche Planung.
Das Projekt New7 verdeutlichte den Nutzen dieses Vorgehens. Obwohl Bestandspläne vorhanden waren, zeigten sich zahlreiche Abweichungen und Herausforderungen: fehlende Nutzlastreserven, eingeschränkte Möglichkeiten zur Fundamentverstärkung aufgrund des Grundwassers, Defizite beim konstruktiven Brandschutz sowie anspruchsvolle Schallschutzanforderungen durch benachbarte Gebäude. Durch frühzeitige Untersuchungen konnten diese Risiken systematisch bewertet und in die Planung integriert werden.
Ein 3D-Laserscan machte zudem deutlich, dass die Realität häufig von den vorhandenen Plänen abweicht. So standen Stützen nicht exakt im geplanten Raster, Bodenhöhen unterschieden sich teilweise um bis zu 13 Zentimeter. Gerade solche Erkenntnisse vermeiden spätere Überraschungen auf der Baustelle.
Scan to BIM – belastbare Daten als Grundlage
An diese Erkenntnisse knüpfte Christopher Smolka, Leitung BIM-Kompetenzzentrum KKI, mit seinem Vortrag „Scan to BIM: Luxus oder Notwendigkeit?“ an. Sein Fazit fiel eindeutig aus: Ein Laserscan ist im Bestand längst keine Komfortleistung mehr, sondern eine wirtschaftlich sinnvolle Grundlage für nahezu jedes Projekt.
Ein mobiler Laserscan ermöglicht innerhalb kurzer Zeit die vollständige digitale Erfassung eines Gebäudes einschließlich Fotodokumentation. So entsteht ein erster digitaler Zwilling, der allen Projektbeteiligten unabhängig vom Standort einen gemeinsamen Informationsstand bietet. Planungsteams können damit beispielsweise von Aachen aus an Projekten in Berlin arbeiten, ohne ständig vor Ort sein zu müssen.
Nicht jede Aufgabe erfordert jedoch sofort ein vollständiges BIM-Modell. Bereits die Punktwolke bietet vielfältige Möglichkeiten zur Analyse und Dokumentation. Erst wenn die Projektkomplexität steigt und zahlreiche Fachdisziplinen koordiniert werden müssen, entfaltet ein fachlich geprüftes BIM-Modell seinen vollen Mehrwert.
Smolka machte zugleich deutlich, dass auch modernste Erfassungstechnologien Grenzen haben. Verdeckte Bauteile bleiben zunächst unsichtbar und müssen gegebenenfalls nach späteren Öffnungen erneut erfasst werden. Dennoch überwiegt der Nutzen deutlich: Laserscan und BIM schaffen Transparenz, reduzieren Planungsrisiken und verbessern die Zusammenarbeit aller Beteiligten.
Serielles Bauen im Bestand neu denken
Den Blick in die Zukunft richtete Markus Plöcker, Schmidt Plöcker Architekten und Vorstand ASBIB (Arbeitsgemeinschaft Serielles Bauen im Bestand e. V.), mit seinem Vortrag zum seriellen Bauen im Bestand. Während standardisierte Prozesse im Neubau längst etabliert sind, stellt jedes Bestandsgebäude zunächst einen individuellen Prototyp dar. Genau darin liegt nach seiner Einschätzung jedoch nicht das eigentliche Problem. Standardisiert werden müsse nicht das Gebäude selbst, sondern der Planungs- und Bauprozess.
Ein zentrales Bild prägte seinen Vortrag: Der Rohbau sei die langlebige „Hardware“ eines Gebäudes, während sich Nutzungen als „Software“ im Laufe der Zeit verändern. Statt tragfähige Strukturen abzureißen, sollten Gebäude flexibel an neue Anforderungen angepasst werden können.
Anhand eines Projekts zur Umnutzung eines Bürogebäudes in ein Studentenwohnheim erläuterte Plöcker die Idee vorgefertigter Raummodule, die parallel zur Baustelle produziert und anschließend in den Bestand integriert werden. Obwohl dieses konkrete Projekt letztlich nicht umgesetzt wurde, lieferte es wertvolle Erkenntnisse für zukünftige Entwicklungen.
Noch stehen seriellen Lösungen Vorbehalte von Bauherren und ausführenden Unternehmen gegenüber. Gleichzeitig eröffnet der enorme Sanierungsbedarf einen deutlich größeren Markt als der klassische Neubau. Voraussetzung für den Durchbruch seien adaptive Modulsysteme, wirtschaftliche Kleinserien und verlässliche Kostensicherheit.
Fazit
Die Fachsession machte deutlich, dass nachhaltiges Bauen im Bestand weit mehr ist als die Verlängerung der Lebensdauer bestehender Gebäude. Erfolgreiche Projekte entstehen durch frühzeitige Risikoanalysen, belastbare digitale Bestandsdaten und Planungsprozesse, die den Besonderheiten vorhandener Bauwerke gerecht werden.
Ebenso wurde klar, dass technische Lösungen heute vielfach bereits verfügbar sind. Größere Herausforderungen liegen häufig in regulatorischen Rahmenbedingungen, fehlenden Standards für Umbauprojekte und der Bereitschaft, neue Wege zu gehen.
Die vorgestellten Praxisbeispiele zeigten eindrucksvoll, dass der Bestand enormes Potenzial für Klimaschutz, Ressourceneffizienz und wirtschaftliches Bauen bietet – vorausgesetzt, Planung, Digitalisierung und interdisziplinäre Zusammenarbeit greifen von Beginn an ineinander. Oder, wie Markus Plöcker zum Abschluss formulierte: „Es ist nicht wichtig, wo der Ball ist, sondern wo er sein wird.“
Foto: Christopher Smolka beleuchtete die Vorteile von Laserscan und BIM-Modell | © F.A.Z. BUSINESS MEDIA GmbH (Jörn Wolter)
Foto: Architekt Markus Plöcker warb für serielles Bauen im Bestand | © F.A.Z. BUSINESS MEDIA GmbH (Jörn Wolter)



